César Manrique: Avantgarde, Natur und Tradition
Der 1919 geborene Maler, Architekt, Bildhauer und Umweltschützer César Manrique hat bis heute das Bild der Kanareninsel Lanzarote entscheidend geprägt. Kreide. Knochen. Zerbrochenes. Es gibt viele Arten von Weiß und keine fällt so ins Auge wie das auf Lanzarote. Die Leuchtkraft der Vulkaninsel wie auch die Angepasstheit, Weisheit, Sorgfalt und Ordentlichkeit ihrer Bewohner inspirierten das außergewöhnliche Werk von César Manrique. Seine Beobachtungen der Umwelt mündeten in eine funktionale und genial an die Umgebung angepasste Architektur. Sie ist als Hommage an die Frauen und Männer zu verstehen, die sich ihr Dasein gegen den Wind, die Dürre und die Lava erkämpft hatten.


Nature: adapt or die
Die 1960er waren in vollem Gange, als eine Gruppe unter der Führung von César Manrique Schornsteine, Mauern und Gärten aus einer sehr dunklen Lavaasche konzipierte, die in ihrer Zen-Gelassenheit mit ihren japanischen Antipoden konkurrieren. Auf einer Fahrt über die Insel soll Manrique ein Bauernhaus entdeckt haben, das er sofort besuchen wollte, um den überraschten Bewohnern Komplimente für ihren guten Geschmack zu machen. In dem 1974 erschienenen Buch Arquitectura inédita vereinte er Fotos, Texte und Gedichte über die einheimische Architektur auf Lanzarote. Besonders beeindruckt war er von den breiten Mauern und blinden Fenster zum Schutz vor dem Wind; von den mit Materialien aus der Umwelt erbauten Häuser: Vulkanstein oder mit Lehm verklebte Kanten; von den mit Kalk weiß getünchten Häuser, einem günstigen, einfach zu verwendendem Material, das die Sonnenstrahlen abhält und sauber genug für die Anbringung auf Oberflächen ist, auf denen das kostbare Regenwasser abfließen und in den unentbehrlichen Zisternen aufgefangen werden kann.
All diesen Elementen sprach Manrique ein Übermaß an „Weisheit und Bedeutung” zu, denn sie wurden durch „die Erfahrung jahrhundertelanger Beobachtung” erlernt, im Verständnis des Klimas, des Breitengrades und der vorherrschenden Winde dieses Landes.
„In dieser Geologie der Vulkanasche, inmitten des Atlantiks, geboren zu sein, prägt jedes auch nur halbwegs empfindsame Wesen”, schrieb Manrique. Er war Zeit seines Lebens unsterblich in die Natur verliebt, die ihn umgab und spielte mit ihr. Algen, Schnecken, Schwämme, Meeresschaum, Felsen, Kiesel, Muscheln in barocken Formen, Vulkane in unmöglichen Farben und ursprünglichen Formen … In der Natur Lanzarotes fand er die Hilfsmittel für seine Spiele und schließlich die Antworten auf seine Fragen. Diese Landschaft aus Sand, Salpeter und Feuer „hat meine Kindheit umgeben und sich in all meinen Kunstwerken manifestiert, vollkommen frei im Ausdruck, ebenso wie die rabiate Oberfläche der Insel”.

Kunst und Territorium
Seine einzigartige Ästhetik, in der sich Natur und Kunst verbindet, wird besonders in den öffentlichen Werken deutlich, die er gemeinsam mit dem Team der Zentren für Kunst, Kultur und Tourismus auf Lanzarote schuf: Die Integration in und die Anpassung an die Umgebung („die Landschaft und Architektur können ein und dasselbe sein, wenn sie perfekt an das Land angepasst sind”, sagte er). Auch die plastischen und organischen Lösungen, die er für seine Räume ersann, sind von der Natur inspiriert und entworfen wie skulpturale Werke: von den Treppengeländern über die Lampen bis hin zu den Türen der Badezimmer. Er schätzte die Konstruktionen von Häusern, die auf Grundlage von Modulen wie Teile eines Puzzles entstanden. Sie wurden von Santiago Alemán in einem Kunstwerk namens Lanzarote, arquitectura tradicional malerisch festgehalten.
Die Aussichtsplattform El Mirador del Río wurde 1973 eingeweiht. Eingebettet in die Klippen von Famara steht sie für die Bestätigung, dass ein Mensch in einen Dialog mit seiner natürlichen Umwelt treten kann, ohne ihre Essenz zu verletzen und dabei gleichzeitig einen kunstvollen und funktionalen Raum für die Tourismuswirtschaft erschaffen zu können.
Jahre zuvor entstand das Bauernmuseum Casa Museo del Campesino mit seinem Balkon, seinem Schornstein, seinen Walmdächern und grünen Holzarbeiten. 1970 wurde unter seiner Leitung das Restaurant El Diablo gestaltet. Die Pop-Ästhetik, die in den zu wunderschönen Lampen verwandelten Bratpfannen sichtbar ist, blieb auf das Innere beschränkt. Außen kann niemand seinen Blick von den Lavafeldern abwenden: nur ein trockener Stamm und das Skelett eines Dromedars zieht den Blick auf sich. Die Landschaft spricht für sich selbst.

Die Einzigartigkeit von Manriques Stil
Alle Werke von César Manrique strahlen eine Vollkommenheit aus, die mit der Natur vereint ist. Sie lösen ein Gefühl von Zärtlichkeit für die Umwelt aus, ein Gefühl von Bewusstsein und Verbundenheit mit den eigenenWurzeln. Doch zugleich sind sie geprägt von zeitgenössischer Modernität, Land Art und brillantem Pop. Sie sind zutiefst auf Lanzarote verankert, sie können nur hier sein, doch sie sprechen mit der ganzen Welt. In den Jameos del Agua, erreichte Manriques Kreativität ihren Höhepunkt. Die Erfüllung seines Traums an einem Ort, der die gegebene Geologie respektiert, sie in Einklang mit der kulturellen Tradition der Insel bringt und in dem sich Oper mit allen Sinnen genießen lässt, war nur möglich durch das harmonische Zusmmenspiel eines Teams aus Gestaltern, Künstlern und Kunsthandwerkern.
Manrique hielt sich fern vom schönen Schein, Worthülsen und touristischen Stereotypen. Er liebte und schätzte Mühlen, Steinbrüche, die Pflanzenwelt, Vulkane und Klippen. Er verwandelte die Fortaleza del Hambre (Festung des Hungers), die nach der Hungersnot während ihres Baus im 18. Jahrhundert benannt wurde, in ein Schloss, das sich der zeitgenössischen Kunst widmet.
Ein altes Mauerwerk in Guatiza, das gemeinhin als Müllkippe genutzt wurde, gestaltete er zu einem Garten mit mehr als 600 Pflanzenarten um, die an die harten Niederschlagsbedingungen auf Lanzarote angepasst sind.
Manrique schloss sein Architekturstudium nie ab, doch seine Ausbildung an der Königlichen Akademie der Schönen Künste von San Fernando in Madrid und seine unverwüstliche, unwiderstehliche Verbindung zwischen Kunst und Natur ließen ihn zu einem herausragenden Schöpfer von zahlreichen öffentlichen Räumen werden, die heute auf Lanzarote zu bewundern und erleben sind.

„Manrique hatte eine besondere Intuition für die Schaffung einzigartiger und vielsagender Atmosphären, die Architektur, bildende Kunst und Landschaftsgestaltung vereinen”, sagt die Stiftung, die sein Erbe bewahrt und verbreitet. Er behandelte seine Architektur wie eine Skulptur, die stets auf den Säulen der Landschaft fußt. Auf ganz natürliche Weise gelang es ihm, dass die Architekturkonzepte, die auf die Bauern von Lanzarote zurückgehen, in der Ausstellung Arquitectura sin arquitectos/Architektur ohne Architekten im Museum of Modern Art in New York (1964) zusammengetragen wurden.
Manriques Ideenreichtum ist in den traditionellen Öfen, in den Taubenschlägen, auf den Terrassen, in den Weinpressen, in den Weingruben von La Geria zu wiederzufinden. Lanzarote umfing Manrique und alle diejenigen, die die Natur dieser wunderschönen, komplexen, transformierenden und zutiefst faszinierenden Insel lieben, mit jeder Pore ihres alten Basaltgesteins.
Quelle: Turismo Lanzarote
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