Pilgern in Kantabrien: Ein Kloster in den Bergen, eine Kreuzreliquie und noch ein Heiliges Jahr
Pilgerwege sind in! Und in Kantabrien führen gleich zwei berühmte Wege die Wanderer durch die großartige Natur: Der Nördliche Jakobsweg und der Camino Lebaniego, der 2023 ein Heiliges Jahr feiert.
An einem klaren Tag in San Vicente de la Barquera an der Küste Kantabriens bekommt man einen ersten Eindruck von dem, was die Pilger auf dem Camino Lebaniego oder Santo-Toribio-Weg erwartet: Das Rauschen des Kantabrischen Meeres und dahinter die mächtigen Gipfel der Picos de Europa. Dazu sattgrüne Täler, tiefe Schluchten und stille Wälder, idyllische Dörfer aus Naturstein und das muntere Plätschern der Bäche, die den Weg begleiten. Insgesamt führt der Weg durch sechs, zum Netzwerk von Natura 2000 gehörenden Naturgebieten.

Neben dem Nördlichen Jakobsweg, dem Camino del Norte, der ebenfalls in einem Teilstück durch Kantabrien verläuft und an den man in San Vicente de la Barquera anschließen kann, ist der Camino Lebaniego der wichtigste Pilgerweg in der Region. Ein Pilgerweg, der in drei bis fünf Etappen zum Kloster Santo Toribio de Liébana nahezu mit der gesamten Landschaftsvielfalt Kantabriens bekannt macht, führt er doch mitten hinein, weg von der wellenumtosten grünen Küste ins Herz der Picos de Europa.

Und wenn am 31. Dezember 2022 die Heilige Pforte in Santiago de Compostela zum Abschluss des Heiligen Jakobsjahres 2021/2022 geschlossen wird, öffnet sich mit drei Hammerschlägen das „Tor der Vergebung“ in jenem Kloster in den Bergen, um den Pilgern nach alter katholischer Tradition den Ablass von jeglichen Sünden zu gewähren.

Neben Orten wie Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela ist der mächtige Klosterkomplex im Norden Spaniens aufgrund eines päpstlichen Erlasses aus dem Jahr 1512 ermächtigt, ein Heiliges Jahr auszurufen und zu feiern. Das wird immer dann gefeiert, wenn der 16. April, der Tag des Klostergründers, dem Heiligen Toribio, auf einen Sonntag fällt, was 2017 und jetzt wieder 2023 der Fall ist. Neben dem Öffnen der „Puerta del Perdón“ laufen in Kantabrien die Vorbereitungen zu speziellen kulturellen und religiösen Veranstaltungen im Rahmen des Heiligen Jahres.
Die berühmte Kreuzreliquie
Der Grund für das Privileg der Durchführung eines Heiligen Jahres ist eine Kreuzreliquie, die im Kloster verehrt wird. Der Heilige Toribio von Astorga, einst Bischof dieser in der kastilischen Provinz León gelegenen Stadt, soll sie einst aus dem Heiligen Land mitgebracht haben. Im 8. Jahrhundert wurden die Reliquie und die sterblichen Überreste des Bischofs in das einsam gelegene Kloster gebracht, um sie vor den herannahenden Maurenheeren zu verstecken. Laut dem Benediktinermönch und Chronisten Padre Sandoval handelt es sich bei dem Holzstück um einen Teil des linken Querbalkens des Christuskreuzes, das der Legende nach Helena, die Mutter von Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert nach seiner Entdeckung in Jerusalem aufbewahren ließ.
Heute wird das Holz in einem kunstvoll gearbeiteten kreuzförmigen Reliquiar aus vergoldetem Silber aufbewahrt, das die Benediktiner, die das Kloster einst übernahmen, anfertigen ließen. Laut einer 1958 in Madrid durchgeführten wissenschaftlichen Untersuchung stammt das Holz der Reliquie von einer in Palästina autochthonen Art der mediterranen Säulenzypresse, Cupressus Sempervirens L. mit einem Alter von mehr als 2.000 Jahren.

Das Kloster von Santo Toribio selbst geht zurück auf eine Gründung aus dem 7. Jahrhundert zu Ehren des Heiligen Martin von Tours. Im 9. Jahrhundert erhielt es den Namen Santo Toribio. Schon seit dem 8. Jahrhundert hatte es sich zu einem wichtigen philosophischen Zentrum der Region entwickelt. Damals lebte hier der Benediktinermöch Beatus von Liébana, der den berühmten „Kommentar zur Apokalypse des Heiligen Johannes“ verfasste, der unter dem Namen „Beato de Liébana“· bekannt wurde. Heute kann man im sehenswerten Kreuzgang des Klosters eine Ausstellung von Miniaturgemälden, die den „Beato“ ausschmückten, bewundern.
Seit dem Erlass der päpstlichen Bulle im Jahr 1512 entwickelte sich das in den Picos de Europa gelegene Kloster von Santo Toribio de Liébana zu einer bedeutenden Pilgerstätte. Früher machte kaum ein Pilger, der sich auf dem Camino del Norte, dem Nördlichen Jakobsweg befand, einen Abstecher von San Vicente de la Barquera in das Kloster. Heute dagegen ist der knapp 70 Kilometer lange Pilgerweg durch die grüne Natur zweifelsohne ein beliebter Fernwanderweg und eine empfehlenswerte Alternative oder Ergänzung zum Jakobsweg.

Aufbruch am Kantabrischen Meer
Am Startpunkt in San Vicente de la Barquera führen beide Wege vorbei. Der Jakobsweg, der nun weiter an der Küste entlangführt und die letzten Küstenorte in Kantabrien durchquert, sowie der Weg von Santo Toribio, der sich hier Richtung Hinterland in die Region von Liébana wendet. Das hübsche Fischerstädtchen San Vicente wird überragt von einer Burg und dem erhöhten Altstadtteil mit seiner Pfarrkirche. Auf dem Wasser im Fischerhafen schaukeln bunt angestrichene Boote auf und ab.

Der Weg führt auf der ersten Etappe von insgesamt 28,5 Kilometern zunächst einmal parallel zum Jakobsweg ein Stück an den herrlichen Sandstränden der Kantabrischen Küste mit ihren eingeschnittenen Meeresarmen, den Rias, entlang bis Muñorrodero, wo sich der Camino Lebaniego an der Ría de Tina Menor jetzt dem Landesinneren zuwendet in Richtung Nationalpark Picos de Europa. Ein schmaler, schattiger Pfad führt ein gutes Stück entlang dem Fluss Nansa durch Herrerías, den ersten Ort im Hinterland, nach Gandarilla, Bielva und Cabanzón mit seinem mittelalterlichen Turm, ehe die Pilger schließlich den Endpunkt der ersten Etappe mit Cades und seiner sehenswerten alten restaurierten Eisenhütte erreichen.

Die zweite Etappe vermittelt einen Eindruck vom gebirgigen Kantabrien, geht es doch in ständigem Auf und Ab entlang herrlicher Bergzüge, durch grüne Täler und wunderschöne Bergdörfer auf rund 30,5 Kilometern weiter Richtung Kloster und Nationalpark. Mehr als 1.500 Höhenmeter sind auf dieser Etappe zu überwinden.
Von Cades machen wir uns auf in Richtung Quintanilla, dem Hauptort der Gemarkung. Sobrelapeña bleibt links liegen, bevor uns in Lafuente mit der romanischen Kirche von Santa Juliana aus dem 12. Jahrhundert ein wahres Schmuckstück dieser Stilrichtung erwartet. Über den Arceón Pass, wo es auf 8 Kilometern ausgesprochen steil wird, geht es nach Cicera. Wer es bequemer mag, dem sei der Weg über die Straße über La Hermida angeraten.
Eine tausendjährige Kastanie, eine kleine Kapelle, die Ermita de las Animas und ein lichtdurchfluteter Wald mit mächtigen Eichen und Buchen, die teilweise ein beträchtliches Alter aufweisen, liegen auf dem Weiterweg nach Lebaña. Hier lohnt ein Stopp an der Santa María Kirche im perfekten mozarabischen Stil, ehe schließlich Cabañes erreicht wird.
Hingewiesen sei hier auch auf den „Camino Viejo“, den „Alten Weg“, der aber nur erfahrenen Bergwanderern angeraten sei. Von Lebaña aus führt dieser Gebirgsweg parallel zu steilen Hermida-Schlucht über Castro Cillorigo nach Ojeso und von dort direkt nach Potes ohne Cabañes zu berühren.

Fast am Ziel
In Cabañes sind wir bereits ganz nahe an Potes, dem Hauptort der Region im Herzen der kantabrischen Picos de Europa. Bis Santo Toribio fehlen uns auf dieser dritten und letzten Etappe noch gut 13 Kilometer und sie führen über das herrliche Bergdorf, das zum Club der „Schönsten Dörfer von Spanien“ gehört.
Aber zunächst einmal heißt es Cabañes in Richtung Pendes zu verlassen und über die Kapelle San Francisco nach Tama zu kommen. Für Berginteressierte lohnt sich hier ein Abstecher zum Interpretationszentrum des Nationalparks, um danach einen Pfad parallel zur Straße, den Camino de Campañana zu nehmen.
Der Weg führt entlang saftiger Bergwiesen und Weiden über Ojedo bis nach Potes, wo es sich lohnt, unbedingt ein paar Tage einzulegen. Nicht nur der hübsche, von den Bergen überragte Ort mit seiner Altstadt mit typischen Pflasterstraßen, mittelalterlichen Türmen und Herrschaftshäusern und die hervorragende Gastronomie dieser Region des Grünen Spaniens verlocken dazu, sondern insbesondere die Nähe zum Gebirge, wo man wunderbare Wanderungen unternehmen kann.

Aber zunächst einmal erreicht unser Pilgerweg sein Ziel, das Kloster von Santo Toribio de Liébana, das ganze 4 Kilometer von Potes entfernt, idyllisch eingebettet in die umliegende Bergwelt auf uns wartet.
Wer jetzt noch weiterpilgern möchte, der kann sich auf die Ruta Vadiniense und dann auf den Französischen Weg nach Santiago de Compostela begeben, der auf diese Weise direkt mit dem Camino Lebaniego verbunden ist.

Weitere Informationen zum Weg des Heiligen Toribio – Camino Lebaniego – unter: https://www.caminolebaniego.com/ und zu Kantabrien: https://www.turismodecantabria.com/inicio