Ausgehöhlte Berge, ein Hügel aus Salz, Gärten zwischen gebrochenen Steinen und ein blutroter Fluss
Die Landschaften der historischen Industrie-Kultur in Spanien
In zahlreichen Gegenden Spaniens bezaubern Landschaften, die von der industriellen Nutzung des Menschen geschaffen wurden. Eine Reise von Kastilien nach Katalonien, auf die Balearen und nach Andalusien.
Besonders am frühen Morgen und am Abend kleiden sich die bizarren Berge von Las Medulás im Gebiet von El Bierzo in der kastilischen Provinz León in ein gleißendes Rot-Gold.
Wir stehen auf dem Mirador von Orellán und blicken hinüber zu den goldenen Bergen, den bizarren Felsen und Wänden, deren heutige Form einmal nicht von der Natur selbst, sondern vom Menschen und deren speziellen Nutzung des vorhandenen Wassers geschaffen wurden. Das dichte Grün der Eichen- und Kastanienwälder, aus denen sie herausragen, schafft den perfekten Kontrast. Das Gold, das die Erde hier verbarg, und der Reichtum an Wasser waren die Gründe dafür, die die Römer unter Kaiser Octavius Augustus etwa ab 26 vor Christus dazu verleiteten, diese Landschaft in die größten Goldminen des Römischen Herrschaftsgebietes unter freiem Himmel zu verwandeln.

Mehr als 1,6 Millionen Kilogramm Gold sollen sie hier geschürft haben. Laut Plinius sollen um die 60.000 Arbeiter, laut neueren Studien bis zu 20.000 Arbeiter dafür gut 500 Millionen Kubikmeter an Erde bewegt haben.
Das raffinierte System, dem die Nachwelt die heutige Landschaft zu verdanken hat, nannte Plinius der Ältere „Ruina montium“. Diese höchst effiziente Bergbautechnik nutzte die immense Kraft großer Wassermassen. Wasser aus Quellen, Regen und schmelzendem Schnee wurde in großen Stauseen gesammelt, die durch ein System gut ausgebauter, steil abfallender Kanäle über weite Strecken mit den Bergwerken verbunden waren. Sie wurden viele Meter tief in die sterilen Schichten über den Schichten des goldhaltigen Konglomerats geschnitten. Sobald die Schleusen der Dämme geöffnet wurden, flossen enorme Wassermengen in die Kanäle, die an ihren Enden verschlossen wurden. Der so aufgebaute Druck ließ das Gestein geradezu explodieren und vom Wasser weggeschwemmt werden bis zu den Auffangbecken, wo die goldhaltige Erde ausgewaschen wurde. Auf diese Weise wurden Berge geradezu ausgehöhlt und abgetragen.
Die Goldminen von Las Médulas waren wohl zur Römerzeit die effizientesten weltweit. Zwei Jahrhunderte dauerte der Abbau von Gold hier, der die heutige faszinierende Landschaft aus rotem Tongestein mit seinen unterirdischen Stollen, roten Türmen und Schluchten schuf. Die Erosion tat danach das ihrige dazu und schuf eine der wohl faszinierendsten Landschaften der Provinz León.

Einen sehr guten Überblick über das Gebiet, die komplexe Technik zur Kanalisierung des Wassers und der Goldgewinnung sowie über die Veränderungen, die die Landschaft und die umliegenden Orte dadurch erfuhren, erhalten Besucher in der Aula Arqueológica auf dem Gelände. Daneben bietet das Besucherzentrum sowohl Informationen über die verschiedenen Routen in der Region als auch geführte Touren an.
Verschiedene Wege und Rundwege von unterschiedlicher Länge, die man miteinander verbinden kann, führen durch das Gebiet. Dabei sollte man unbedingt die Höhlen, la Cueva Encantada und die kleinere Cuevona, den Mirador de las Pedrices und die Ausblicke vom Kamm des Pico Reirigo sowie, nicht zu vergessen, den Lago Sumido miteinbeziehen. Zwei Tage und mindestens eine Übernachtung in einer der ländlichen Unterkünfte der herrlichen Naturregion sollte man einplanen, wenn man das Gebiet gut kennenlernen möchte.

Insgesamt führen fünf verschiedene Routen durch den archäologischen Teil:
Die Senda Perimetral führt durch den äußeren Bereich und einmal rund um die gesamte Region. Dieser Rundweg, eine Schotterpiste, kann sowohl per Auto als auch per Rad oder zu Fuß gemacht werden. An ihm liegen das Besucherzentrum, die Aula Aqueológico und verschiedene Aussichtspunkte, die Miradores. Einen tollen Einblick in das Gebiet erhält man, wenn man den Rundweg mit den Wanderrouten, Senda de las Valiñas und der Senda Reirigo verbindet. Diese beiden Routen können nur zu Fuß zurückgelegt werden, aber nur auf diese Weise kommt man der Natur der Region auf den Pfaden zwischen Steineichen, Kastanien und uralten Eichenbäumen und den roten Felsen richtig nahe und fühlt die Faszination, die von dieser Region ausgeht.
Die Senda de las Valiñas ist der einfachere Weg der beiden. Hier kann man auch die mächtige Höhle Cueva La Encantada besuchen. Wer eine etwas anstrengendere Variante mit einigen Steigungen sucht, sollte sich auf die Senda de Reirigo begeben. Auf alle Fälle erwarten die Wanderer hier die vielleicht spektakulärsten Aussichten. Immer wieder heißt es stehenbleiben und die bizarren Formen der Felsen zu bewundern: Hier ein spitz nach oben zulaufender Turm, dort eine steile Wand oder eine kunstvoll geformte Säule.

Und abgerundet haben wir unsere Runde durch Las Médulas schließlich mit einem Spaziergang vom Besucherzentrum aus zu den Lagunen und dem Lago Sumido, die eingebettet in die grüne Waldlandschaft liegen. Wer mehr Zeit mitbringt und noch tiefer einsteigen will in die Technik der Römer und die sozialen und bevölkerungsspezifischen Veränderungen während der 200 Jahre des Goldabbaus begibt sich auf die Route der Konvente, Senda de los Conventos ab dem Örtchen Orellán aus oder auf die Ruta de los Poblados, die Siedlungsroute.
Besonders jetzt im Herbst sind die Berge von Las Medulás, die sich aus einem Meer von Eichen, Steineichen und Kastanienbäumen erheben, und seit 1997 Kulturerbe der UNESCO sind, unbedingt einen Besuch wert.
Informationen: https://www.patrimoniocastillayleon.com/en/las-medulas; http://www.fundacionlasmedulas.info/ sowie https://www.spain.info/de/reiseziel/las-medulas/.
Ein blutroter Fluss
Keine roten Berge, sondern ein seltsamer, aufgrund der Mineralien gefärbter roter Fluss erwartet uns im Süden von Spanien, wohin wir uns nun vom äußersten westlichen Zipfel Kastilien-Leons aufmachen. „Riotinto“, roter Fluss, wird die Region bis heute genannt. Auch hier im Norden der Provinz Huelva empfängt uns eine vom Bergbau geprägte veränderte Landschaft.
Hier waren es nicht nur zwei Jahrhunderte, in denen man der Erde ihre verborgenen Schätze entlockte, sondern eine Geschichte von 5.000 Jahren, zurück bis zu Tartessern und Phöniziern. Eine Geschichte, in die man im Bergbaumuseum Ernest Lluch eingeweiht wird. Da gibt es den begehbaren Nachbau eines römischen Bergwerks neben einem Luxuswaggon der Schmalspureisenbahn, der für Königin Victoria von England einst gebaut worden war und in das Bergbaugebiet von Riotinto aus Anlass des Besuchs von König Alfons XIII. kam. Daneben beherbergt das einstige Krankenhausgebäude der Rio Tinto Company Limited zahlreiche Werkzeuge und Maschinen aus dem Bergbau und Hüttenwesen verschiedener Epochen.

Unbedingt empfehlenswert ist für am Geschichte des Bergbaus Interessierte der Besuch eines Bergwerkstollens im Bergwerk Peña del Hierro, wo seit der Römerzeit vor allem Eisenerz abgebaut wurde und der Höhepunkt des Abbaus im 19. Jahrhundert lag. Die Führung kann man ebenfalls im Bergwerkmuseum buchen.
Auch ein Blick in den riesigen, heute auf seinem Grund mit Wasser gefüllten Krater der Corta Atalaya mit einer Tiefe von 345 Metern und einem Durchmesser von 1.200 Metern sollte man sich nicht entgehen lassen. Hier, wo wohl schon seit etwa 2.400 v. Chr. Minenarbeiten getätigt wurden, entstand seit dem Ende des 19. Jahrhunderts unter der britischen Rio Tinto Company Limited einst einer der größten Tagebaus der Welt und der größte Europas. Schaut man hinab in diesen riesigen Schlund, auf dessen rot, grün und lehmfarben leuchtenden Terrassen zu besten Zeiten bis zu 12.000 Menschen arbeiteten und vor allem Kupfer abbauten, erhält man eine Idee von der wirtschaftlichen Bedeutung, die der Erzabbau für die Region einst hatte.

Wie die Briten sich hier eingerichtet und heimisch gefühlt haben, zeigt ein Bummel durch das Englische Viertel der Wohnsiedlung Bellavista, die im 19. Jahrhundert im Dorf Minas de Riotinto für die britischen Ingenieure und deren Familien errichtet wurde.
Am schönsten ist zweifelsohne aber die Fahrt mit der alten Bergwerksbahn entlang dem Río Tinto. Während der jahrzehntelangen Präsenz der Engländer wurde neben der Einführung moderner Technologien eine Eisenbahnlinie gebaut, die den Transport des geförderten Materials an den Hafen von Huelva gewährleistete.
Auf der heute touristisch genutzten 12 Kilometer langen Fahrt genießt man den Blick auf die vom Bergbau so geprägte Landschaft und den seltsam rotgefärbten Fluss. Ockergelb, rot, grün und an manchen Stellen violett – vor allem in diesen Farben präsentiert sich diese Landschaft. Dazwischen verlassene Ruinen und Häuser der ehemaligen Siedlungen der Bergarbeiter. Nicht selten überkommt uns das Gefühl auf einem ganz anderen Planeten zu sein.

Und als der Zug am Ende der Hinfahrt direkt am Fluss einen Stopp einlegt und ich mir das mineralisch rötliche Wasser des Flusses über meine Hände rinnen lasse, muss ich daran denken, dass sich sogar die NASA für diesen Fluss und sein Wasser interessiert. Der hohe Gehalt an eisenhaltigen Salzen und Eisensulfat, führen zusammen mit dem Sauerstoffmangel zu einem hohen Säuregehalt, bei dem man davon ausgehen könnte, dass es kein Leben im Fluss geben könnte. Aber dem ist nicht so, denn das Gewässer des Flusses weist eine hohe Anzahl von Mikroorganismen auf, die sich von Mineralien ernähren. Die Untersuchungen der NASA gehen davon aus, dass die Umweltbedingungen hier ähnlich dem des Mars sind. So weit hergenommen ist das Gefühl vom anderen Planeten also dann tatsächlich nicht.
Informationen: https://www.andalucia.org/de/minas-de-riotinto; https://www.spain.info/de/parks-freizeit/bergbaupark-riotinto/
Gärten zwischen Steinen
Ganz im Hier und Jetzt fühlen wir uns auf der Baleareninsel Menorca in den Pedreres de S´Hostal, einem alten Steinbruch, als wir über die Balustrade schauen und den Proben der Musiker für ein Konzert heute Abend zuhören. „Das wird sicher schön“ ist unsere einhellige Meinung, denn die Atmosphäre hier, inmitten eines der ehemaligen Steinbrüche des Marés, wie der Kalkstein hier genannt wird, ist schon einmalig. Wie auch der gesamte folgende Besuch dieses Ortes.
Die Bildhauerin Leticia Lara rief das Projekt Líthica, heute auch der Name der privaten Stiftung, ins Leben, um die typischen Kalksteinbrüche als kulturelles Erbe in der von Menschen geschaffenen und veränderten Landschaft am Leben zu erhalten. Seit 1994 wandelt sie die Steinbrüche Pedreres de S´Hostal unweit von Ciutadela um in einen herrlichen Kulturraum.

Von der beeindruckenden Freilichtbühne gleich hinter dem Eingang laufen wir staunend durch eine bildhauerisch gestaltete Landschaft mit Treppen und phantasievollen Figuren aus Stein, zwischen denen die Natur sich ihren Platz zurückerobert. Den Steinmetzen als Meister der traditionellen Kunst des Steinschneidens und ursprünglichen Schöpfer der Steinbrüche wird Tribut gezollt in den Labyrinthen, die sie einst schufen, den gemeißelten schrägen Wänden und Treppen. Genauso zielt das Projekt Líthica darauf, die Landschaft zu formen, Erde zu bewegen, Wege zu öffnen, Felswände zu behauen, um Stufen daraus zu schaffen und so das Gebiet in ein Stück lebendige Architektur zu verwandeln.

Auch die Gestaltung der Gärten, die es innerhalb des Steinbruchs gibt, werden ganz dem Zusammenspiel von Stein und Vegetation überlassen. So findet sich innerhalb der Pedreres de S´Hostal ein Netz von abgebauten Flächen mit verschiedenen Vegetationsarten, die zu einem herrlichen Labyrinth verschmelzen, dem Labyrinth der Obstgärten, bestehend aus dem mittelalterlichen Garten, dem Pflanzenlabyrinth und dem Botanischen Rundweg.

Einst wurden die ausgegrabenen Flächen der Steinbrüche nach Beendigung der Arbeit mit Erde aufgefüllt und als Gemüse- und Obstplantagen genutzt, um schließlich wieder aufgegeben und von Unkraut überwuchert zu werden, was zu der Mischung aus Kultur- und Wildpflanzen führte. So entdeckt man besonders auf dem Botanischen Rundweg die natürliche wilde Vegetation der Balearen. Der mittelalterliche Garten dagegen wirkt mit seinem Brunnen, bewachsenen Felsen und Heilkräutern wie ein verlorenes Paradies und eine herrliche Ruhe-Oase. Dem schließt sich das kreisförmige, aus aromatischen, den Jahreszeiten angepassten Pflanzen bestehende Labyrinth an, das vom Design des kretischen Labyrinths inspiriert, zu einem Rundgang der Achtsamkeit einlädt.

Jeder, der Steinbrüche als langweilig oder völlig uninteressant empfand, wird spätestens in den Pedreres de S´Hostal auf Menorca eines Besseren belehrt und eine wunderbare, beeindruckende Erfahrung machen. Informationen: https://lithica.es
Ein Berg aus Salz
In die blendend weiße Welt des Salzes führt unser letzter Ausflug von den Balearen zurück auf das spanische Festland, genauer ins Hinterland der Mittelmeerküste von Katalonien. Das einzigartige Naturphänomen des Salzberges „Montaña de Sal“ in Cardona leitet uns bei unserem Besuch bis zu 86 Meter hinein in die unterirdische Welt aus Salz, die von außen sichtbar ist durch einen 120 Meter hohen weißen Berg, der noch immer wächst, wobei gleichzeitig die Erosion ihr Übriges tut.
Unterhalb des 120 m hohen Berges befindet sich ein Diapir mit einem Salzstock von gut 2 km Tiefe. Im Jahr 1900 entdeckte Emili Viader den Salzstock wieder und veränderte somit das wirtschaftliche Leben in dem kleinen katalanischen Städtchen Cardona, das von seiner mächtigen Burg, der heute ein Paradorhotel angeschlossen ist, überragt wird.
Die Mina Nieves de Cardona – die „Schneemine“ von Cardona – war zwischen 1929 und 1990 eine der wichtigsten Kalisalzminen der Welt. Aber bereits in der Jungsteinzeit wurde hier wohl Salz abgebaut. Heute umgewandelt in den Parque Cultural de la Montaña de Sal soll den Besuchern die Bedeutung und Nutzung des Salzes für uns Menschen im Laufe der Geschichte und die geologische Besonderheit dieser Lagerstätte verdeutlicht werden.

Während dem Besuch der alten Minen dringen wir ein in die geheimnisvollen unterirdischen Galerien und können die alten Maschinen der Salzgewinnung aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts bewundern. In dieser fantastischen unterirdischen Welt mit ihren bizarren Formen von Stalaktiten und Stalagmiten werden wir durch enge Tunnel und in die Säle geführt.

Beeindruckend ist die „Sala Coral“, deren Stalaktiten an Korallen erinnern. Besonders fasziniert sind alle von der hiesigen „Sixtinischen Kapelle“, einem Saal, der seinen Namen der Schönheit und Vielzahl der Formationen an der Decke verdankt.

Nicht nur für Kinder ist der Besuch dieser magischen unterirdischen weißen Welt ein besonderes Erlebnis. Gewählt werden kann zwischen normalen Führungen und dramatisierten Führungen, wobei letztere nur auf Katalanisch stattfinden.
Weitere Informationen: https://katalonien-tourismus.de/kategorien/katalonien1/die-burg-von-cardona-uneinnehmbare-festung-am-salzberg; https://cardonaturisme.cat/en/things-to-do/the-salt-mountain/; https://patrimoni.gencat.cat/es/coleccion/parque-cultural-de-la-montana-de-sal-de-cardona;
