Auf dem Weg zum Kreuz
Das Heilige Jahr in Caravaca de la Cruz
Die "Weinpferde" und ein Historienspektakel erwarten Pilger und Besucher in Caravaca de la Cruz in der Region Murcia im Mai.
Die mächtige Burg auf dem Hügel prägt das Bild des hübschen Städtchens Caravaca de la Cruz in der Region Murcia im Südosten Spaniens, das selbst vielen eingefleischten Spanienreisenden kaum bekannt ist. Über den roten Ziegeldächern der weißen Häuser strahlt die Sonne am tiefblauen Himmel. Normalerweise ein verträumtes, ruhiges Städtchen, das aber alle sieben Jahre zu einem der wichtigsten Pilgerorte der Christenheit wird.
2024 ist es wieder soweit. Dann feiert Caravaca de la Cruz sein Heiliges Jahr. Die Stadt erhielt als fünfte Stadt weltweit 1998 von Papst Johannes Paul II das Privileg alle sieben Jahre ein solches Heilige Jahr feiern zu dürfen. Der Grund dafür ist die Kreuzreliquie in der Real Basílica de la Vera Cruz direkt neben der Burg über der mittelalterlichen Kleinstadt. Seit dem 13. Jahrhundert machen sich Pilger zu dieser Reliquie auf den Weg, die der Legende nach im Jahr 1231 in Form eines „Lignum Crucis“, eines Holzstückes aus dem Kreuz Jesu in die Stadt gelangt sein soll. Die wertvolle Reliquie wird heute in einem doppelarmigen Brustkreuz aufbewahrt und trägt den Namen Vera Cruz, Wahres Kreuz.

Besonders im Mai lohnt sich ein Besuch Caravacas. Alljährlich, und in diesem Heiligen Jahr sicherlich ganz besonders, gerät die Stadt zwischen dem 1. und dem 5. Mai in ausgelassene Feierlaune. Dann fällt der Startschuss für das „Fest des Heiligen Kreuzes“, das auf das Mittelalter zurückgeht und auf einer Mischung aus historischen und religiösen Ereignissen und Legenden basiert. Eigentlich bestehend aus zwei Festen, dem „Fest der Mauren und Christen“ und dem "Fest der Weinpferde", gleichen die Tage einem bunten Historien-Schauspiel in mehreren Akten.

Gleich am ersten Festtag begeben sich alle Festteilnehmer und die Bevölkerung hinauf zur Basilika, dem Sanktuarium des Heiligen Kreuzes auf der ehemaligen Festung. Hier findet eine Messe statt, in der die neuen Mitglieder der Bruderschaft des Heiligen Kreuzes feierlich aufgenommen werden.

Am Nachmittag dieses ersten Tages beginnt bereits der zweite Akt mit der Vorstellung der „Weinpferde“. Die teilnehmenden Pferde reihen sich an der Plaza Paco Pin auf, um kurz darauf durch die Straßen der Altstadt zu ziehen bis zur Plaza de los Caballos del Vino, wo ihre Gestalt und Form bewertet wird. Die kunstvoll gestickten Decken, die sie am kommenden Tag tragen werden und die eines der Markenzeichen dieses Festes der Weinpferde ist, welches mittlerweile zum Immateriellen UNESCO-Kulturerbe gehört, können an verschiedenen Ausstellungsorten der Stadt den ganzen Tag über bewundert werden.

Am 2. Mai folgt der Höhepunkt des Festes, das spektakuläre Wettrennen der Weinpferde den Hang zur Festung hinauf. Der Tag beginnt mit dem Läuten sämtlicher Glocken der Stadt morgens um 7.00 Uhr. Es folgt der Umzug der Reiter und Pferde durch die Stadt, später folgen die „Christen und Mauren“ in ihren originalgetreuen Kostümen. Sie begeben sich nach dem Umzug hinauf zur Festung und Basilika, wo später der Bürgermeister der Stadt im Namen der Bürger die traditionelle Blumenspende vollführt und Blumen und Wein feierlich gesegnet werden.

Am frühen Nachmittag aber zieht es alle an den Burgberg, auf die Mauer der Festung und überall dorthin, wo die Zuschauer den besten Blick auf das sehnsüchtig erwartete Wettrennen der Weinpferde den steilen Hang hinauf haben. Es ist ein atemberaubendes Spektakel, wenn ein Pferd nach dem anderen unter dem Jubel der Menge, begleitet von jeweils zwei bis vier jungen Männern, die sich an dem schnell dahin stürmenden Tier festzuhalten versuchen, den Berg hinauf rast. Geschmückt sind die edlen Tiere mit den kunstvoll gestickten Decken, während die Männer alle mit weißen Hemden, schwarzen Hosen und leuchtend roten Schärpen und Tüchern bekleidet sind.

Die Weinpferde erinnern an die Belagerung der Stadt durch die maurischen Heere im 13. Jahrhundert. Damals wurden die Burg und der Ort vom Templerorden kontrolliert, deren Mitgliedern es gelang, während der Belagerung mit ihren Pferden die Reihen des Feindes zu durchbrechen, um Wasservorräte zu holen. Statt mit Wasser kehrten sie mit Wein gefüllten Schläuchen zur Burg zurück. Am späten Nachmittag gedenkt Caravaca de la Cruz auch jener Belagerung mit einer Nachbildung der Besetzung der Burg durch die Mauren.
Der Tag endet mit einer feierlichen Prozession, in der die Reliquie des Heiligen Kreuzes von der Basilika hinunter in die Salvador-Kirche im Ort gebracht wird.

Am 3. Mai und dritten Tag des größten Festes von Caravaca erfolgt das sogenannte „Bad des Kreuzes“. Die Kreuzreliquie wird im „Templete“, einem kleinen barocken Tempel mit sechseckigem Grundriss im Zentrum der Stadt in eine Quelle getaucht. Die Anwesenden, der Ort und die umliegenden Felder werden symbolisch mit dem Wasser besprenkelt. Auch dieses Ritual hat seinen Ursprung in einer Legende, nach der im Jahr 1384 mit Hilfe des durch das Kreuz gesegneten Wassers eine Heuschreckenplage abgewendet wurde.
Am späten Nachmittag folgt das traditionelle Zusammentreffen des „christlichen Königs“ und des „maurischen Herrschers“, ehe das Schauspiel um die Schlacht der beiden Heere beginnt.

Höhepunkt des vierten Festtages ist der farbenfrohe Umzug, an dem alle Gruppen der „Mauren“ und „Christen“ teilnehmen. Am 5. Mai und dem letzten der festlichen Tage schließlich wird die Kreuzreliquie zu den Kranken gebracht, bevor sie schließlich unter dem Jubel aller wieder ihren Weg hinauf in ihr Heiligtum in der Basilika der Burg aufnimmt. Nicht fehlen dürfen an diesen Tagen natürlich Feuerwerksspektakel begleitet vom Lärm unzähliger Knallkörper.

Nicht nur an den Festtagen bestimmt die Reliquie des Kreuzes das Leben von Caravaca. Legenden ranken sich seit Jahrhunderten um ihre Herkunft. Eine von ihnen besagt, dass das Kreuz durch ein Wunder in die Burg gelangte: Demnach soll am 3. Mai 1232 der Almohadenherrscher Abu Zeit, seinen Gefangenen Chirinos, einen christlichen Priester, gebeten haben, ihm zu zeigen, was die Heilige Messe sei. Der Priester begann mit seinen Vorbereitungen, hörte aber nach kurzer Zeit auf, da ihm das Symbol des Kreuzes fehlte. In diesem Moment erschienen der Legende nach zwei Engel, die das „lignum crucis“ auf den Altar legten. Angesicht dieser Erscheinung sollen Abu-Zeit und sein gesamter Hof zum Christentum konvertiert sein.
Anderen Quellen nach soll sich die Kreuzreliquie im Besitz des ersten Bischofs von Jerusalem, Robert von Jerusalem, der die Stadt in Palästina im ersten Kreuzzug erobert hatte, befunden haben. 130 Jahre später brachte ein Nachfolgerbischof von Robert das Holzstück nach Caravaca. Der Templerorden, der mit Jaime I nach Murcia kam, war der erste Orden, der diese mittelalterliche Reliquie, die in der Burg von Caravaca aufbewahrt wurde, im Jahr 1265 vor den Angriffen der Mauren verteidigte.

Nachdem 1492 die Rückeroberung abgeschlossen war, erreichte die Nachricht über die Existenz des Kreuzes weite Verbreitung. Seine größte Bedeutung erlangte das Kreuz während des Goldenen Zeitalters im 16. und 17. Jahrhundert. Der Heilige Johannes vom Kreuz und die Heilige Teresa von Avila gründeten Klöster in Caravaca. Zahlreiche Jesuiten und Franziskaner ließen sich in der Stadt nieder. Gleichzeitig verbreiteten Kirchen- und Militärangehörige die Nachricht über das Vera Cruz auf ihren Missionsfahrten in Südamerika, Europa und den Philippinen. Der Glaube an die Reliquie brachte zahlreiche Pilger zum Sanktuarium des Alcázar de la Santísima Vera Cruz.

Innerhalb der Mauern der Burg, die sich lange Zeit im Besitz der Tempelritter und des Ordens von Santiago befand, wurde die Basilika Santa Cruz im Herrero-Stil erbaut. Besonderes Glanzstück ist die Marmorfassade, wie sie auch bei vielen Kirchen Lateinamerikas zu finden ist. Neben dem Sanktuarium, das im 17. Jahrhundert erbaut wurde, und dem sogenannten „Templete“ im Zentrum des Städtchens bietet die kleine Stadt eine Reihe weiterer sehenwerte Sakral-Bauwerke. So die Kirchen El Salvador, ein wahres Schmuckstück der Renaissance, la Soledad und La Purísima Concepción sowie die Klöster Santa Clara und San José. Unter den weltlichen Prachtgebäuden sticht vor allem das Rathaus aus dem 18. Jahrhundert hervor. Und natürlich lohnt sich ein Bummel durch die gemütlichen Altstadtgässchen und über die Plazas des Städtchens.

Mehrere Wege führen zur Kreuzreliquie nach Caravaca de la Cruz
Pilger und Wanderer, die einen weniger frequentierten Weg als den Jakobsweg durch Spanien suchen und gemächlich in den Südosten Spaniens wandern und die reizvolle Umgebung von Caravaca und die Region Murcia kennenlernen möchten, haben die Wahl zwischen mehreren attraktiven Routen. Die zwei großen, unter dem Sammelbegriff „Camino de la Cruz“ bekannten Wege sind einerseits der Camino de la Vera Cruz/Der Weg zum Wahren Kreuz und andererseits der Camino de Levante, der Östliche Weg.
Der historische Camino de la Vera Cruz folgt dem Jakobsweg aus den Pyrenäen ab Roncesvalles und zweigt in Puente la Reina in Navarra vom ihm ab. Auf 870 Kilometern Gesamtlänge durchquert er dann, größtenteils als Camino de los Templarios (Templerweg) die Regionen Navarra, Aragón, Valencia, Kastilien La Mancha bis nach Murcia.

Direkter und mit 120 Kilometern um einiges kürzer beginnt der Camino del Levante im Städtchen Orihuela in der Provinz Alicante, um durch die reizvollen Mittelmeerlandschaften wandernd, per Fahrrad oder auf dem Pferd die Basilika des Heiligen Kreuzes in Caravaca zu erreichen. Ein wunderbarer Weg, der sich gerade jetzt für die Frühlingsmonate anbietet, um pünktlich zum 1. Mai die Festtage in Caravaca de la Cruz miterleben zu können.

Informationen zur Region Murcia, Caravaca de la Cruz und zum Heiligen Jahr und den Festlichkeiten: https://www.turismoregiondemurcia.es/de/caravaca_de_la_cruz//; https://www.spain.info/de/kalender/volksfest-santisima-vera-cruz/ ; https://www.spain.info/de/reiseziel/caravaca-la-cruz/ ; https://www.spain.info/de/kalender/wein-pferde-unesco-kulturerbe/ ;
In spanischer Sprache: https://caballosdelvino.org/ ; https://www.turismoregiondemurcia.es/de/veranstaltung/fiestas-de-la-santisima-y-vera-cruz-M424145/